blog by andreas fazekas / vienna AT

„Alle Popsongs haben dieselben vier Akkorde“ – der Satz fällt in jedem Proberaum. Was sagen die Daten wirklich? Ein Blick in die verfügbaren Korpusstudien zeigt: Der Kern stimmt, die Zahlen dahinter sind aber deutlich dünner, als das Internet behauptet. Notation: Stufen in römischen Ziffern (Großbuchstaben = Dur, Kleinbuchstaben = Moll), Beispiele in C-Dur bzw. a-Moll.

Kernaussagen

  • I–IV–V ist das Fundament. In einem Korpus von 200 Country-Klassikern entfallen rund 82 % der Akkordwechsel auf diese drei Stufen, in Dur-Rocksongs rund 79 %. Für die Kunstmusik von ca. 1700–1830 wird ein ähnlicher Anteil (rund 79 %) geschätzt, für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts rund 62 % [4].
  • I–V–vi–IV ist die häufigste Vier-Akkord-Schleife im Hooktheory-Datensatz, der überwiegend aus Billboard-Hits besteht [2]. Einen Prozentanteil pro Song hat Hooktheory nicht publiziert: Angaben wie „in X % aller Hits“ sind nicht verifizierbar.
  • Pop kadenziert anders als Klassik. IV→I (plagal) kommt im Pop etwa gleich oft vor wie V→I [2]; im Rock ist IV der häufigste Akkord nach I [3].
  • Andere Genres, andere Läufe: ii–V–I im Jazz, i–♭VII–♭VI–V im Flamenco, IV–V–iii–vi im J-Pop. Für diese Läufe gibt es keine vergleichbaren Häufigkeitszahlen: Datenlage unklar.
  • Trend: Billboard-Hits 2002–2021 wiederholen Akkordschleifen innerhalb eines Songs stärker als Hits von 1958–1991, die verbreitetsten Schleifen sind aber über weniger Songs gestreut [6].

Die Datenbasis

KorpusUmfang / ZeitraumMethodeEinschränkung
Hooktheory (Carlton 2012) [1,2]ca. 1.300 Songabschnitte, v. a. Billboard Hot 100; heute über 50.000 Community-AnalysenAbschnitte (Strophe, Refrain) nach C transponiertBlog, nicht peer-reviewed; Abschnitte statt Songs
Rolling-Stone-Korpus (de Clercq & Temperley 2011) [3]100 Songs, je 20 pro Jahrzehnt, 1950er–1990er (später RS 200)Handanalyse durch zwei Experten, Übereinstimmung über 90 %Kanon-Auswahl („Greatest Songs“), US/UK
Country-Korpus NN 200 (de Clercq 2018) [4]200 Songs, 1933–2014Nashville-Number-TranskriptionKonferenzvortrag, nicht peer-reviewed
McGill Billboard [5,7]Zufallsstichprobe Hot 100, 1958–1991Expert*innen-Transkriptionnur USA
Yale-Geerdes Billboard [6]Year-End Hot 100, 2002–2021Akkordschleifen, InformationstheoriePreprint

Die häufigsten Läufe: wo und wie oft

LaufStufenHauptverbreitungEvidenz
Drei-Akkord-Basis / 12-Takt-BluesI–IV–V (C–F–G)Blues, Rock’n’Roll, Country, Folk82 % der Akkordwechsel im Country, 79 % im Dur-Rock; ca. 25 % der Country- und 28,5 % der Rocksongs kommen mit höchstens drei Akkorden aus, rund die Hälfte mit höchstens vier [4]
Axis / „Four Chords“I–V–vi–IV (C–G–Am–F)Pop, Pop-Punk, Singer-Songwriter, Stadionrockhäufigste Vier-Akkord-Folge bei Hooktheory; Beispiele: „Let It Be“, „Don’t Stop Believin’“, „She Will Be Loved“ [2]. Anteil unbekannt.
„Sensitive female“ (Rotation)vi–IV–I–V (Am–F–C–G)Balladen, Indiegleiche Akkorde wie Axis, andere Startstufe [8]; keine eigene Zahl
50s / Doo-WopI–vi–IV–V (C–Am–F–G)Doo-Wop, frühe Soul- und Popballadenin der Billboard-Forschung als Standardschema benannt [9]; keine Quote
ii–V–Iii–V–I (Dm7–G7–Cmaj7)Jazzstandardsgilt als Grundbaustein der Jazzharmonik [10]; Korpuszählung nicht abgerufen
Andalusische Kadenzi–♭VII–♭VI–V (Am–G–F–E)Flamenco, jüdische Folklore („Hava Nagila“), „Hit the Road Jack“Lehrquellen [11]; keine Korpuszahl
Aeolische Schleifei–♭VII–♭VI–♭VII (Am–G–F–G)Rock, Pop, Hip-HopLehrbuchbeispiele „Stairway to Heaven“, „Rolling in the Deep“ [12]; keine Zahl
Royal Road (ōdō shinkō)IVmaj7–V7–iii7–vi (Fmaj7–G7–Em7–Am)J-Pop, Animeals gängiger J-Pop-Lauf beschrieben [13]; verwandt: Komuro-Lauf vi–IV–V–I [14]; Datenlage unklar

Was nach welchem Akkord kommt

  • Nach I folgt in der aktuellen Hooktheory-Datenbank am häufigsten V (31 %) [15]. Ein anderer Hooktheory-Beitrag nennt abweichende Werte für I→V und I→IV [16]. Der Widerspruch lässt sich nicht auflösen, vermutlich unterschiedliche Datenbankstände.
  • Nach iii (Em) folgt in 93 % der Fälle vi oder IV; iii→I ist selten [1,2].
  • IV und V tauchen in mehr Progressionen auf als die Tonika I selbst: Viele Abschnitte sparen den Grundakkord bewusst aus [1].
  • Im Rock sind auf- und absteigende Grundtonbewegungen nahezu ausgeglichen, in der klassischen Harmonik dominiert die „progressive“ Richtung [3,4]. Country liegt dazwischen: Dort ist V häufiger als IV, in Dur-Rocksongs umgekehrt [4].

Entwicklung über die Zeit

Chander und Quinn verglichen zwei Billboard-Korpora (1958–1991 und 2002–2021). Neuere Hits wiederholen ihre Akkordschleifen innerhalb eines Songs stärker, die meisten Schleifen kommen nur in einem einzigen Song vor, und die verbreitetsten Schleifen des älteren Korpus waren über mehr Songs gestreut als jene des neueren [6]. Die Richtung: weg von songübergreifenden Schemata, hin zu songinterner Wiederholung. EDM-geprägte Formteile wie Riser und Drop übernehmen dabei Spannungsfunktionen, die früher Kadenzen getragen haben [17].

Grenzen der Daten

  • Anglo-amerikanische Schlagseite: Alle Korpora mit Häufigkeitszahlen stammen aus den USA bzw. dem US/UK-Kanon. Für Afropop, Bollywood, Latin, arabische oder chinesische Popularmusik wurden keine vergleichbaren Zählungen gefunden. Modale und maqam-basierte Systeme lassen sich mit Stufenharmonik ohnehin nur begrenzt beschreiben.
  • Uneinheitliche Zähleinheit: Akkordwechsel, Takte, Abschnitte oder ganze Songs. Die Zahlen sind deshalb nicht direkt vergleichbar.
  • Der „Four Chords“-Mythos: Viele der zitierten Songs nutzen I–V–vi–IV nur abschnittsweise; die Strophe von „Don’t Stop Believin’“ etwa weicht davon ab [18]. Wie viele Songs im bekannten Axis-of-Awesome-Medley stecken, wird widersprüchlich mit 38 bis 47 angegeben [8,19,20].
  • Harmonieanalyse ist Interpretation: Selbst zwei Experten sind sich in rund 10 % der Fälle uneinig [3].

Quellen

  1. Carlton D. 2012. I analyzed the chords of 1300 popular songs for patterns (Part 1). Hooktheory Blog. Blog/Datenanalyse.
  2. Carlton D. 2012. Part 2: I analyzed the chords of 1300 popular songs for patterns. Hooktheory Blog. Blog/Datenanalyse.
  3. de Clercq T, Temperley D. 2011. A corpus analysis of rock harmony. Popular Music 30(1):47–70. doi:10.1017/S026114301000067X. Originalarbeit, peer-reviewed.
  4. de Clercq T. 2018. A corpus analysis of harmony in country music. Vortragstext. Konferenzbeitrag.
  5. Burgoyne JA, Wild J, Fujinaga I. 2013. Compositional data analysis of harmonic structures in popular music. In: Mathematics and Computation in Music (MCM 2013). Springer, LNCS: 52–63. Konferenzband.
  6. Chander A, Quinn I. 2023. The decline of harmonic schemata in popular music chord loops. EasyChair Preprint 10295. Preprint.
  7. Shaffer K et al. 2020. A cluster analysis of harmony in the McGill Billboard dataset. Empirical Musicology Review 14(3–4):146–162. Originalarbeit.
  8. Wikipedia. I–V–vi–IV progression. Abgerufen 25.10.2026. Tertiärquelle.
  9. Acevedo S. Explaining expectation entropically. Vortragsabstract, UMass; Dissertation Yale 2020. Abstract.
  10. Learn Jazz Standards. 3 easy ii-V-I licks. Lehrmaterial.
  11. Sutton B. The Andalusian cadence. Lehrseite.
  12. Music Theory for the 21st-Century Classroom. 9.8 The i–VII–VI–VII progression. Open-Access-Lehrbuch.
  13. Wikipedia. Royal road progression. Abgerufen 25.10.2026. Tertiärquelle.
  14. Flat.io Blog. J-pop and anime chord progressions. Lehrseite.
  15. Hooktheory Blog. Chord progression search: patterns and trends. Blog.
  16. Hooktheory Blog. Statistical study of inversions and slash chords in popular music. Blog.
  17. Society for Music Theory. Corpus approaches to popular music analysis (Session-Abstracts). Abstract.
  18. Persinger S. What is the most common chord progression in the world? Taylor Guitars Blog. Blog.
  19. Upworthy. Comedy rock band use 38 songs to prove how „every pop song“ uses the same four chords. Medienbericht.
  20. Ball State Daily News 2013. Same four chords appear in major hits. Medienbericht.

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