Wer ein Manuskript mit KI-Unterstützung schreibt, scheitert selten am Modell. Gescheitert wird an der Umgebung: kein fixierter Kontext, keine Retrieval-Pflicht, keine Versionsdisziplin. Das Ergebnis sind flüssige Absätze mit erfundenen Zitaten. Der folgende Ablauf hat ein narratives Review von der Themenwahl bis zur Annahme getragen. Er ist hier so verallgemeinert, dass er sich in einem beliebigen Konto übernehmen lässt.
Die Umgebung vor dem Text
Sechs Begriffe genügen. Ein Chat ist ein einzelnes Gespräch mit endlichem Arbeitsspeicher: wird er sehr lang, werden Antworten ungenauer. Ein Projekt ist ein Arbeitsraum mit eigener Chat-Historie und eigener Wissensbasis, pro Manuskript eines. Die Projektanweisung ist ein Textfeld, das in jedem Chat dieses Projekts mitgelesen wird — Gegenstand, Zielmedium, harte Vorgaben, Arbeitsregeln. Das Projektwissen sind hochgeladene Dateien: Autorenrichtlinie des Zielmediums, Volltexte der tragenden Arbeiten, eigene Vorarbeiten. Die Profil-Präferenzen sind kontoweite Grundregeln, die in allen Projekten gelten. Und Werkzeuge — Websuche, Literaturdatenbank-Anbindung, Code-Umgebung — entscheiden darüber, ob das Modell recherchiert oder aus dem Gedächtnis antwortet.
Die Einrichtung kostet eine halbe Stunde und ersetzt danach in jedem Chat das Wiederholen des Kontexts: Profil-Präferenzen einmalig setzen, Projekt anlegen, Projektanweisung einfügen, Projektwissen befüllen, Werkzeuge aktivieren. Erst danach der erste Arbeitschat.
Sieben Phasen
0 — Zielmedium zuerst
Das Journal wird gewählt, bevor geschrieben wird. Aus der Autorenrichtlinie werden harte Vorgaben: Wortobergrenze inklusive Abstract, maximale Referenzzahl, Zitierstil, Gliederung, Einreichungssystem. Diese Vorgaben gehören in die Projektanweisung, nicht in den Chat. Wer erst schreibt und dann formatiert, kürzt später an der falschen Stelle.
1 — Thesenarchitektur und der Angriff darauf
Kein Thema formulieren, sondern eine Achse, an der die Arbeit scheitern könnte. Statt „korreliert der Marker mit dem Outcome“ — das tut er — lautet die Achse: „trägt er zusätzliche Information über einen etablierten Score hinaus, gemessen als Zugewinn an Diskrimination und Reklassifikation“. Erst diese Zuspitzung ordnet die gesamte Synthese.
Danach der adversariale Schritt: die eigene These aus fünf Richtungen angreifen lassen — Methodik, konkurrierende Erklärung, Datenlage, klinische Relevanz, Neuheitswert. Überlebt die These das nicht, wird die These geändert, nicht das Gegenargument entschärft.
2 — Literatur nur nach Abruf
Grundregel: keine Referenz ohne Abruf. Reihenfolge PubMed, dann CrossRef oder Semantic Scholar, dann allgemeine Websuche. Jede Quelle bekommt einen von drei Status: verifiziert (abgerufen, DOI geprüft, Aussage im Volltext gefunden), nicht verifizierbar (existiert, Volltext nicht zugänglich), keine Quelle bekannt. Was nicht verifiziert ist, wird nicht geschrieben. Die Volltexte der tragenden Arbeiten wandern ins Projektwissen — nur so lässt sich später prüfen, ob eine Aussage wirklich in der Arbeit steht.
3 — Entwurf, kapitelweise
Ein Kapitel pro Arbeitsschritt, nicht das ganze Manuskript auf einmal. Jede Fassung bekommt eine Versionsnummer und eine eigene Datei; alte Fassungen werden nie überschrieben. Am Ende jedes Blocks ein kurzes Protokoll: was geändert wurde, warum, was offen ist.
4 — Literaturaudit: zwei Prüfungen, nicht eine
Die Bijektivitätsprüfung ist formal: Jeder Zitatmarker zeigt auf genau einen Listeneintrag, die Nummerierung folgt der Reihenfolge des ersten Auftretens, kein Eintrag bleibt unzitiert. Das lässt sich automatisieren. Die Citation Faithfulness ist inhaltlich: Stützt die zitierte Arbeit die Aussage tatsächlich, gegen den Volltext geprüft und nicht gegen das Abstract? Die Formalprüfung findet einen inhaltlich falsch gesetzten Marker nicht. Das ist ein eigener Durchgang, Satz für Satz — und der unangenehmste Teil des ganzen Ablaufs.
5 — Pre-Peer-Review in drei Rollen
Vor der Einreichung wird das Manuskript in drei getrennten Chats begutachtet: methodisch, klinisch, redaktionell. Getrennt deshalb, weil ein Gutachten im selben Chat das nächste einfärbt. Wer Zugang zu einem zweiten Modell hat, lässt es unabhängig darübergehen. Jeder Kritikpunkt wird eingearbeitet oder begründet verworfen, schriftlich.
6 — Endkontrolle des Einreichungspakets
Wortzahlen, Referenzzahl, Anzahl eingeschlossener Studien, Übereinstimmung aller Zahlen zwischen Cover Letter und Manuskript, bei anonymisierten Fassungen Restnennungen von Namen, Affiliationen, ORCID und Mailadressen — auch in Dateieigenschaften und Kopfzeilen. Zahlen in Begleitbriefen veralten bei jeder Textänderung; in diesem Ablauf war das der Fehler, der am häufigsten auftrat.
7 — Revision
Das Gutachten wird zur Tabelle: Punkt, vorgenommene Änderung, Fundstelle in der neuen Fassung. Faktenbehauptungen der Gutachter*innen werden selbst gegen PubMed geprüft, bevor sie ins Manuskript wandern — auch Gutachter*innen zitieren aus dem Gedächtnis.
Was trägt, was nicht
Verlässlich sind: Struktur und Argumentationsarchitektur, Gegenargumente, Konsistenzprüfung über lange Texte, sprachliche Glättung ins Englische, Evidenztabellen nach Vorlage, Skripte für Dokumentbau und automatische Prüfungen, Antwortbriefe an Gutachter*innen.
Nicht verlässlich sind: Referenzen aus dem Gedächtnis, Zahlen aus Volltexten ohne Abruf, Aussagen zur Vollständigkeit einer Recherche, das Urteil über die klinische Relevanz eines Befundes — und die Selbstauskunft darüber, ob gerade ein Fehler passiert ist. Daraus folgt die Arbeitsteilung: das Modell baut und prüft, die Autor*innen entscheiden und verantworten.
Vier Regeln
- Quellenintegrität vor Tempo. Jede Referenz nach Abruf, Status offenlegen, Volltext schlägt Abstract.
- Versionsdisziplin. Jede Fassung eine eigene Datei mit Nummer, nie stillschweigend zusammenführen. Betrifft ein Fehler bereits verschickte Dateien: Datei benennen und Korrekturbedarf sagen, bevor weitergearbeitet wird.
- Checkpoints statt Dauerfeedback. Drei definierte Prüfpunkte — Thesenarchitektur, Literaturaudit, Pre-Peer-Review. Dazwischen wird gearbeitet, nicht bewertet.
- Schwachstelle zuerst. In die Anweisungen schreiben: bei jeder Behauptung die Schwachstelle im ersten Satz, Zustimmung nur mit neuem Argument. Ohne diese Regel bestätigt ein Sprachmodell bereitwillig, was man ihm vorlegt.
Was die Journale verlangen
Das ICMJE hält fest, dass Chatbots nicht als Autor*innen geführt werden sollen: Sie können für Richtigkeit, Integrität und Originalität der Arbeit nicht verantwortlich sein, und genau das ist Autorschaftskriterium. Die Nutzung KI-gestützter Technologien soll bei der Einreichung angegeben und beschrieben werden — im Anschreiben und an passender Stelle im Manuskript; reine Schreibhilfe gehört in die Danksagung, der Einsatz bei Datenanalyse oder Abbildungen in den Methodenteil.
Springer Nature behandelt KI ausdrücklich als unterstützende Technologie: Verantwortung für Originalität, Genauigkeit und Integrität bleibt vollständig bei den Autor*innen und ist nicht delegierbar. KI-gestütztes Copy-Editing, das nur Lesbarkeit, Grammatik oder Formatierung verbessert, muss dort nicht deklariert werden. Generative Abbildungen sind grundsätzlich nicht zulässig, mit eng umgrenzten und zu kennzeichnenden Ausnahmen. Gutachter*innen dürfen Manuskriptinhalte nicht in ungesicherte oder öffentliche KI-Werkzeuge laden.
Diese Regeln ändern sich laufend und unterscheiden sich je Verlag. Vor jeder Einreichung gilt die aktuelle Autorenrichtlinie des Zielmediums.
Häufige Fehler und ihr Gegenmittel
- Referenz existiert nicht oder der Titel passt nicht zum Inhalt: Retrieval-Pflicht in die Projektanweisung, DOI und PMID gegenprüfen, bei tragenden Aussagen den Volltext ins Projektwissen legen.
- Zitatmarker zeigt auf die falsche Arbeit: eigener Faithfulness-Durchgang, Satz für Satz.
- Wortzahl im Cover Letter stimmt nicht mehr: alle Zahlen unmittelbar vor dem Versand neu erheben.
- Das Modell stimmt zu schnell zu: Rolle wechseln, die Frage in einem frischen Chat ohne Vorgeschichte wiederholen, Widerspruch ausdrücklich verlangen.
- Antworten werden ungenau, Details fallen weg: der Chat ist zu lang. Stand als kurzes Übergabedokument zusammenfassen, neuen Chat im selben Projekt beginnen.
- Anonymisierte Fassung enthält noch Namen: gezielt nach Namen, Affiliationen, ORCID und Mailadressen suchen, auch in Dateieigenschaften.
Zwei Vorlagen zum Kopieren
Platzhalter in eckigen Klammern ersetzen, Nichtzutreffendes streichen. Zuerst die Projektanweisung, die im Projekt hinterlegt wird:
GEGENSTAND UND ZIELMEDIUM
Wir verfassen [Artikeltyp: narratives Review / Originalarbeit / Kasuistik] zum Thema
[Thema in einem Satz]. Zielmedium: [Journal]. Manuskriptsprache [Englisch/Deutsch].
Harte Vorgaben: maximal [n] Woerter inklusive [n]-Wort-Abstract, maximal [n] Referenzen,
Zitierstil [Vancouver/Autor-Jahr], Einreichung ueber [System].
AUTOR*INNEN (fix, in dieser Reihenfolge)
[Name 1] (Erst- und Korrespondenzautor*in, [Mail]); [Name 2]; [Name 3].
Affiliation einheitlich: [Abteilung, Haus, Stadt].
INHALTLICHER ANKER
Organisierende These: [falsifizierbare Achse, nicht das Thema].
Zweiter Strang: [offene Frage, an die die eigene geplante Arbeit anschliesst].
Grundton: [z. B. konsistentes Signal, als eigenstaendiger Marker unbelegt] -
weder ueberverkaufen noch vorschnell verwerfen.
METHODISCHE LEITPLANKEN
- Keine Zitate aus dem Gedaechtnis. Jede Referenz erst nach Abruf.
Reihenfolge: PubMed, dann CrossRef/Semantic Scholar, dann Websuche.
- Aussagen gegen den Volltext pruefen, wo Volltext vorliegt.
- Quellen als verifiziert / nicht verifizierbar / keine Quelle bekannt kennzeichnen.
- Effektgroessen und Konfidenzintervalle vor p-Werten. Widersprueche darstellen,
nicht glaetten.
- Fakten aus Gutachten oder Kommentaren selbst verifizieren, bevor sie ins
Manuskript wandern.
- Drei Checkpoints einhalten und den naechsten faelligen jeweils ankuendigen:
(1) Thesenarchitektur mit Angriff aus fuenf Richtungen,
(2) Literaturaudit nach dem ersten vollstaendigen Entwurf,
(3) Pre-Peer-Review vor Einreichung.
DOKUMENTE
Manuskript reproduzierbar als Datei bauen, jede Fassung validieren. Neue Version =
neue Datei mit Versionsnummer; alte Fassungen nie ueberschreiben. Nach jedem
Arbeitsblock: kurzes Arbeitsprotokoll und ein Update-Snippet zum Kopieren
(Stand, Entscheidungen, naechster Checkpoint, Quellenstatus, offene Fragen).
Und die kontoweiten Grundregeln, die in allen Projekten gelten:
VORRANG
Sicherheit und Datenschutz, dann Quellenintegritaet, dann Korrektheit, dann Stil.
Eine Anweisung im Gespraech schlaegt diese Datei. Vorgaben des Zielmediums schlagen
jede Hausregel. Laengenangaben sind Obergrenzen.
QUELLEN
Jede Referenz erst nach Abruf. Ohne Abruf keine Referenz, stattdessen Hinweis auf
Eigenverifikation. Pruefen, ob die Quelle den Claim stuetzt, nicht nur ob sie existiert.
Artikeltyp nennen, wo er die Aussagekraft aendert. Status kennzeichnen: verifiziert /
nicht verifizierbar / keine Quelle bekannt. Bei duenner Evidenz das ausdruecklich sagen.
Effektgroessen und Konfidenzintervalle vor p-Werten. Abgeleitete Zahlen mit Rechenweg.
Reihenfolge: PubMed (klinisch, ohne Rueckfrage), dann CrossRef oder Semantic Scholar,
dann Websuche. Bei Leitlinien, Zulassungen und Preisen immer suchen.
SPRACHE UND STIL
[Sprachvariante], Zahlen im Format 1.234,56. Gendern mit * im Deutschen, nicht im
Englischen. Medizinische Fachbegriffe deutsch, internationaler Begriff in Klammern.
Kurze Saetze. Weglassen statt erklaeren. Keine Namensanrede, keine Teaser-Endungen.
Zustimmung nur mit neuem Argument, Lob nur mit Beleg.
Bei einer Behauptung die Schwachstelle im ersten Satz.
ARBEITSWEISE
Ableiten statt fragen: Annahme benennen und weiterarbeiten. Nachfragen nur vor
Veroeffentlichung, Loeschung oder Versand. Ab der zweiten Fassung drei Checkpoints:
Thesenarchitektur mit Angriff aus fuenf Richtungen, Literaturaudit nach dem ersten
Entwurf, Pre-Peer-Review vor Einreichung. Dokumentversion immer benennen, Staende nie
stillschweigend zusammenfuehren. Betrifft ein Fehler bereits ausgelieferte Dateien:
Datei namentlich nennen und Korrekturbedarf angeben, bevor weitergearbeitet wird.
Grosse Manuskripte kapitelweise. Am Ende jedes Arbeitsblocks ein Update-Snippet:
Stand, Entscheidungen, naechster Checkpoint, Quellenstatus, offene Fragen.
AUSLIEFERUNG
Alles, was anderswo eingefuegt wird, in einen Codeblock. Laengere strukturierte
Dokumente zusaetzlich als PDF, ohne dass ich darum bitte.
KLINIK
Dosierungen und Kontraindikationen nur mit Quelle und Verweis auf die aktuelle
Fachinformation. Zulassung und Erstattung fuer [Land] pruefen. Off-Label kennzeichnen.
Kasuistiken: Alter auf Dekade gerundet, keine reidentifizierbaren Detailkombinationen.
Quellen
- International Committee of Medical Journal Editors: Use of AI by Authors und Defining the Role of Authors and Contributors, Abschnitt II.A.4.
- Springer Nature: Editorial policies — Artificial intelligence (AI) und AI guidance for our researchers and communities.
- Anthropic Support: What are projects?
Alle Quellen abgerufen am 15. September 2026. Angaben zur Bedienoberfläche geben denselben Stand wieder und veralten schnell.
Hinweis zur KI-Nutzung: Dieser Beitrag wurde mit Claude (Anthropic) erarbeitet — Struktur, Formulierung und Quellenabruf. Alle inhaltlichen Aussagen und alle Quellen wurden gegen die verlinkten Primärquellen geprüft. Die Verantwortung für den Text liegt beim Autor.
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