English version: Twelve places where German could get easier
Ob das Deutsche „Fehlentwicklungen“ hat, ist eine Bewertungsfrage. Die Sprachwissenschaft beantwortet sie nicht: Sie beschreibt Wandel, sie beurteilt ihn nicht. Eine andere Frage lässt sich sachlich stellen. Wo kostet das Deutsche Lernende und Schreibende Aufwand, der keine Information trägt? Und was haben Nachbarsprachen an denselben Stellen getan?
Der Maßstab hier ist Lernbarkeit und Regelkonsistenz. Er steht gegen zwei andere: Robustheit bei gestörter Übertragung und Ausdrucksdifferenzierung. Jede Vereinfachung unten kostet etwas von den beiden. Das gehört in die Rechnung.
A. Grammatik: nur über Generationen
1. Drei Genera auf zwei
Maskulinum und Femininum fallen zusammen, das Neutrum bleibt. Niederländisch (de/het) und Festlandskandinavisch haben diesen Weg hinter sich.
Heute: der Löffel, die Gabel, das Messer
Dann: de Löffel, de Gabel, das Messer
Gegenrechnung: Genusunterschiede lösen Referenzen auf. „Der Arzt sprach mit der Patientin, bevor sie ging“ funktioniert nur mit drei Genera.
Wer das Genus für willkürlich hält, irrt. Köpcke und Zubin (1996) zeigen, dass die Genuszuweisung nicht arbiträr ist, und nach Wegener (1995) lassen sich für rund zwei Drittel des Grundwortschatzes Zuweisungsregeln formulieren. Das Problem ist nicht Chaos, sondern das dritte Paradigma.
2. Eine Adjektivendung
Stark, schwach, gemischt: drei Flexionsreihen, die nur wiederholen, was der Artikel schon sagt.
Heute: ein guter Wein, der gute Wein, guter Wein
Dann: ein gute Wein, der gute Wein, gute Wein
Das Niederländische kommt mit -e und Nullendung aus.
3. Präpositionen mit einem Kasus
wegen, trotz, während, dank: Der Dativ ist im Gebrauch längst da. Die Norm hinkt nach.
Heute: wegen des Regens (Norm), wegen dem Regen (Gebrauch)
Dann: beides standardsprachlich
Der Genitivschwund ist kein neues Phänomen. Die Forschung ist sich einig, dass der Dativ Funktionen des Genitivs übernimmt; Szczepaniak (2014) verfolgt den Prozess bis ins Frühneuhochdeutsche zurück.
4. Plural-Default für Neuwörter
Für Fremdwörter -s, für native Neubildungen -(e)n, Umlautplural nicht mehr produktiv.
Heute: der Blog / das Blog, die Blogs / die Bloge
Dann: der Blog, die Blogs – festgelegt, nicht ausgewürfelt
Wegener (1999) bringt es auf die Formel: nicht chaotisch, aber komplex. Komplex reicht für den Altbestand. Für Neuwörter reicht eine Regel.
5. Zehner vor Einer
Das ist der Punkt mit dem größten praktischen Gewinn. Norwegen hat 1951 per Parlamentsbeschluss umgestellt. Die Begründung war praktisch: Wer am Telefon „einundzwanzig“ hört, muss die Einerstelle zwischenspeichern und die Zahl rückwärts notieren.
Heute: vierundzwanzig – geschrieben 24, gehört 4-und-20
Dann: zwanzigvier – gehört wie geschrieben
Wie das endet, zeigt Norwegen ebenfalls: In der gesprochenen Alltagssprache lebt die alte Zählweise weiter; vollständig durchgesetzt hat sich die neue nur bei Telefonnummern. Für Telefonnummern, Dosierungen und Laborwerte wäre genau das der Gewinn.
B. Orthographie: per Beschluss möglich
6. ß abschaffen
Die Schweiz hat es vorgemacht: ab 1938 nicht mehr in der Schule gelehrt, 1974 gab auch die NZZ als letzte Tageszeitung auf, 2006 mit der Rechtschreibreform offiziell gestrichen.
Heute: Straße, Maße, Masse
Dann: Strasse, Masse, Masse
Die Minimalpaare trägt der Kontext. Die Schweiz lebt seit fast neunzig Jahren damit.
7. Fugen-s nach Korpus
Die Amtssprache konserviert Formen, die der Gebrauch verlassen hat. Das Finanzamt erhebt die Einkommensteuer; im Alltag heißt sie längst Einkommenssteuer.
Heute: Einkommensteuer (Amt), Einkommenssteuer (Alltag)
Dann: Amt folgt Korpus
Das ist die einzige Stelle in dieser Liste, die den Namen Fehlentwicklung verdient: eine Norm, die gegen die eigene Sprachgemeinschaft läuft.
8. Getrennt- und Zusammenschreibung nach Betonung
Heute: sitzen bleiben (auf dem Stuhl) vs. sitzenbleiben (in der Schule); kennenlernen oder kennen lernen (beides zulässig)
Dann: Hauptbetonung auf dem ersten Glied → zusammen; sonst getrennt
Ein Kriterium statt drei plus Liste.
9. Komma nur an Hauptsatzgrenze und Einschub
Heute: Er beschloss(,) früh aufzubrechen, weil er den Zug erreichen wollte.
Dann: Er beschloss früh aufzubrechen, weil er den Zug erreichen wollte.
Die Freigabe beim Infinitiv war 2006 ein halber Schritt.
10. Gemäßigte Kleinschreibung
Heute: Das Essen war gut, das essen war schwer.
Dann: Das essen war gut, das essen war schwer.
Das Beispiel zeigt, was verloren geht. Die Großschreibung ist eine Lesehilfe; ob sie messbar beschleunigt, ist schwach belegt. Hier ist die Bilanz offen.
C. Pragmatik und Lexik
11. Anrede
Schwedens Du-Reform begann mit einer Rede. Am 3. Juli 1967 kündigte Bror Rexed, neuer Generaldirektor der Gesundheitsbehörde, seinem Personal an, alle zu duzen, und erwartete dasselbe zurück. Rexed war Neuroanatom; die nach ihm benannten Laminae des Rückenmarks kennt jede Medizinstudentin.
Heute: Könnten Sie mir bitte den Befund bringen? / Kannst du mir den Befund bringen?
Dann: eine Form
Im Deutschen geht das nur über Institutionen, nicht über Beschlüsse. Firmen und Redaktionen haben angefangen.
12. Geschlechtergerechte Form
Drei Wege liegen vor, keiner ist amtlich.
Neutralform: die Studierenden
Kurzform: die Student*innen
Generisches Femininum: die Studentinnen (für alle)
Systematisch passt die Neutralform am besten ins Paradigma; die Kurzform erzeugt Vorleseprobleme; das generische Femininum kehrt die Asymmetrie um, statt sie aufzulösen. Die Entscheidung ist politisch. Sie linguistisch zu verkleiden, hilft keiner Seite.
D. Was bleibt
Satzklammer, Verbletztstellung, freie Komposita: Das ist der Kern. „Sie schlug den Antrag nach drei Stunden Sitzung und zwei Vertagungen schließlich vor“ – erst das letzte Wort entscheidet, ob vorgeschlagen oder abgeschlagen wurde. Das ist kein Fehler, sondern das System. Eine Reform dort bräche Recht, Literatur und vierhundert Jahre Lesbarkeit.
Zwei Folgekosten gelten für jede Reform. Erstens: zwei Generationen Doppelnorm, wie nach 1996. Zweitens: Reformen wirken nur auf Schule und Verwaltung. Der Rechtschreibrat weiß das und vermeidet Empfehlungen zwischen Varianten, um zu beobachten, was sich durchsetzt.
Quellen. Köpcke K-M, Zubin D. Prinzipien für die Genuszuweisung im Deutschen. In: Lang E, Zifonun G (Hg.). Deutsch typologisch. Berlin: de Gruyter; 1996. – Wegener H. Das Genus im DaZ-Erwerb. In: Handwerker B (Hg.). Fremde Sprache Deutsch. Tübingen: Narr; 1995. – Wegener H. Die Pluralbildung im Deutschen – ein Versuch im Rahmen der Optimalitätstheorie. Linguistik online 1999. – Plewnia A, Witt A (Hg.). Sprachverfall? Dynamik – Wandel – Variation. IDS-Jahrbuch 2013. Berlin: de Gruyter; 2014 (darin Szczepaniak zum Genitiv). – Gesellschaft für deutsche Sprache: Das Fugenelement (gfds.de). – Wikipedia: Norwegische Sprache, Abschnitt Zahlwörter. – NZZ, 3.7.2017 und 4.8.2017, zur schwedischen Du-Reform. – apostrophgroup.ch: Das traurige Schicksal des ß. Genusangaben zu Niederländisch und Skandinavisch aus allgemeinem Sprachwissen, nicht eigens verifiziert.
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