blog by andreas fazekas / vienna AT

Die kurze Antwort: nicht auf den Labels, die „Techno“ heißen. Die interessante Kante liegt seit Jahren bei Labels, die Techno als Rhythmusfrage behandeln, nicht als Genrefrage.

Labels

  • Ilian Tape (München, Zenker Brothers) – der Referenzpunkt für trocken plus musikalisch. Breakbeat, Dub, Jazzharmonik, staubige Texturen. Das Label ist 2026 unverändert produktiv, unter anderem mit Skee Masks ISS012 im Februar. Einstieg: Skee Mask, Stenny, Andrea, Forest Drive West.
  • Livity Sound / Timedance (Bristol) – perkussiv, verstimmt, kein Fett. Pev, Batu, Hodge, Simo Cell.
  • Hessle Audio (London) – Pearson Sound, Bruce, Objekt-Umfeld. Rhythmisch die eigenwilligste Ecke.
  • Wisdom Teeth – K-Lone arbeitet mit gestimmter Perkussion und echten Akkorden über minimalem Gerüst.
  • AD 93 (ex-Whities) – die durchlässigste Adresse zwischen Clubtrack und improvisierter Musik.
  • PAN, Modern Love, Nous’klaer Audio – Sounddesign vor Funktion, aber tanzbar.
  • Semantica, Avian, Blueprint, Sähkö – die reine Trockenheit ohne Jazzkante.
  • Jazz-o-Tech (IT) – explizites Programm: Jazzmusiker*innen und Technoproduzent*innen werden paarweise zusammengespannt, Improvisation gegen Avantgarde-Elektronik. Qualität schwankt, das Konzept trifft die Sache.

Dazu die Labels der unten verlinkten Platten: Ostgut Ton (Berlin), Ternesc (Blawans eigenes Label) und Macro (Berlin).

Namen für die Jazzkante

Moritz von Oswald Trio mit Laurel Halo und dem Jazzschlagzeuger Heinrich Köbberling (Album Dissent, 2021). Jeff Mills und Tony Allen, mit Jean Phi Dary an den Keys. Beatrice Dillon, deren Workaround Tabla, Pedal Steel und Cello über knochentrockene Grids legt. Barker, der Techno weitgehend ohne Kick baut und harmonisch dicht arbeitet (Utility 2019, Stochastic Drift 2025). Dazu Aleksi Perälä mit eigenem Stimmungssystem, Terrence Dixon, Rrose, Lucy Railton im Umfeld von Kit Downes.

Zehn Tracks als Einstieg

  1. Skee Mask – Rev8617 (Compro, Ilian Tape 2018). Der Prototyp: Breaks, Dub-Raum, Melodie nur als Andeutung. Alle Tracks.
  2. Andrea – Attimo (Ritorno, Ilian Tape 2020). Dieselbe Schule, wärmer im Bass.
  3. Objekt – Secret Snake (Cocoon Crush, PAN 2018). Gummiartige Perkussion, danach ein Synthlead, das die Atmosphäre kippt. Bandcamp.
  4. Beatrice Dillon – Workaround Two (PAN 2020). Akustische Instrumente in einem Raster, das nichts verzeiht.
  5. Barker – Hedonic Treadmill (Utility, Ostgut Ton 2019). Harmonik statt Kick.
  6. Blawan – Close the Cycle (Woke Up Right Handed, XL 2021). Modularsystem plus eigene Stimme, extrem trocken. Alle Tracks.
  7. Moritz von Oswald Trio – Chapter 9 (Dissent, 2021, mit Laurel Halo und Heinrich Köbberling). Dub Techno mit echtem Schlagzeug.
  8. Tony Allen & Jeff Mills – Locked And Loaded (Tomorrow Comes The Harvest, 2018). Die Rezeption war gespalten: Rolling Stone hielt Mills für zu zurückgenommen und sah gerade in diesem Stück die produktivste Reibung.
  9. K-Lone – Cape Cira (Wisdom Teeth 2020). Grenzfall, kein Techno: Fourth World und Ambient, FM-Synthese imitiert akustische Instrumente und gestimmte Perkussion. Als Kompositionsschule trotzdem einschlägig. Bandcamp.
  10. Elektro Guzzi – Trip (Macro 2021, Album). Wien, Gitarre, Bass, Schlagzeug, kein Computer, keine Loops. Bandcamp.

Wo man das findet, statt es zu suchen

Das ist der eigentliche Hebel. Charts sind hier wertlos.

  1. Hard Wax (Berlin) – wöchentliche Neuheitenliste mit Kurzbeschreibung. Die Referenz für dieses Segment seit dreißig Jahren.
  2. Boomkat (Manchester) – dieselbe Funktion mit stärkerem Avantgarde-Bias und ausführlichen Texten.
  3. Bandcamp – Labels folgen, nicht Genres. Der „if you like“-Graph unter jedem Release schlägt jeden Algorithmus. Ein Discography-Bundle kostet weniger als drei EPs. Für den Einstieg auch die offizielle Ilian-Tape-Playlist.
  4. Resident Advisor – die monatlichen Musikrückblicke sind brauchbar, die DJ-Charts nicht. Die Jahresübersichten sind nach musikalischen Themen sortiert, nicht nach Popularität.
  5. RadioNTS, Rinse FM, Refuge Worldwide, Cashmere Radio, Radio 80000. Zwei bis drei Residents finden, deren Ohr passt, dem Rest nicht folgen.
  6. Discogs-Credits – bei einem Track, der sitzt, auf das Mastering-Studio schauen. Tangible Air, Dubplates & Mastering, Rashad Becker führen zuverlässiger zu Verwandtem als jedes Genre-Tag.

Wien

Für die Schnittstelle Jazz/Techno ist im österreichischen Umfeld mehr da, als üblicherweise abgerufen wird. Elektro Guzzi spielt Techno als akustisches Trio, produziert von Patrick Pulsinger, ohne Sequenzer und ohne Overdubs. Die Wiener Perkussionistin Katharina Ernst, inzwischen in Berlin ansässig und seit 2025 mit eigenem Label Extrametric Records, taucht sowohl in improvisierten Kontexten als auch auf der Techno-Jazz-Compilation von Jazz-o-Tech auf. Dorian Concept und das Umfeld von Affine Records sitzen auf der Keyboarder-Seite derselben Achse.

Ein Einwand gegen die eigene Prämisse

„Innovativ“ und „knochentrocken“ ziehen gegeneinander. Trockenheit ist ein Reduktionsprinzip, das den Raum für harmonische Ereignisse zumacht. Was funktioniert, ist Trockenheit im Kick- und Perkussionsbett plus musikalisches Material in Timbre und Stimmung statt in Akkordfolgen. Dillon, Perälä und K-Lone machen genau das. Wer Jazz als Harmonik erwartet, landet fast zwangsläufig bei Broken Beat und verliert den Druck.


English version

The short answer: not on the labels that call themselves techno. The interesting edge has for years been with labels that treat techno as a rhythm question rather than a genre question.

Labels

Ilian Tape (Munich) is the reference point for dry-but-musical: breakbeat, dub, jazz harmony, dusty textures. The label remains active through 2026. Livity Sound and Timedance (Bristol) are percussive and detuned with no fat on them. Hessle Audio holds the most idiosyncratic rhythmic corner. Wisdom Teeth puts tuned percussion and real chords over minimal frames. AD 93 is the most permeable address between club track and improvised music. PAN, Modern Love and Nous’klaer Audio put sound design before function while staying danceable. Semantica, Avian, Blueprint and Sähkö cover pure dryness without the jazz edge. Jazz-o-Tech (Italy) pairs jazz musicians with techno producers by design.

Names on the jazz edge

Moritz von Oswald Trio with Laurel Halo and jazz drummer Heinrich Köbberling. Jeff Mills with Tony Allen. Beatrice Dillon, layering tabla, pedal steel and cello over unforgiving grids. Barker, building techno largely without kicks. Also Aleksi Perälä with his own tuning system, Terrence Dixon, Rrose, and Lucy Railton around Kit Downes.

How to keep finding it

Charts are useless here. Use the weekly new-release lists at Hard Wax and Boomkat. On Bandcamp, follow labels rather than genres and use the „if you like“ graph under each release. Resident Advisor’s monthly music round-ups are worth reading, the DJ charts are not. Pick two or three residents on NTS, Rinse, Refuge Worldwide, Cashmere Radio or Radio 80000 and ignore the rest. When a track lands, check the mastering credit on Discogs: Tangible Air, Dubplates & Mastering, Rashad Becker lead to related material more reliably than any genre tag.

A counter-argument

„Innovative“ and „bone-dry“ pull against each other. Dryness is a principle of reduction that closes the space harmonic events need. What works is dryness in the kick and percussion bed with musical material carried by timbre and tuning rather than chord progressions. Expect jazz as harmony and you end up in broken beat, losing the pressure.


Methodik und Quellenstand: Alle Links wurden am 13. August 2026 einzeln über Retrieval verifiziert; nicht verifizierbare Adressen wurden bewusst weggelassen statt geraten. Katalogverfügbarkeit und Domains können sich ändern. Künstler*innennennungen ohne Link beruhen auf eigener Kenntnis und sind nicht einzeln quellengeprüft. „Cape Cira“ ist bewusst als Grenzfall aufgenommen und kein Techno. Die Bewertung von „Tomorrow Comes The Harvest“ ist in der Fachpresse umstritten und wird hier nicht aufgelöst.

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